Barrierefreies Webdesign

Kontrast und Lesbarkeit: WCAG-Kontrastwerte einfach erklärt

Was 4,5 zu 1 bedeutet, welche Elemente welchen Wert brauchen, wie die Formel funktioniert und wie Sie Farbpaare in wenigen Minuten prüfen.

Ausreichender Kontrast bedeutet: Text und wichtige Bedienelemente heben sich so deutlich vom Hintergrund ab, dass auch Menschen mit eingeschränktem Sehvermögen sie gut erkennen. Die Web Content Accessibility Guidelines (WCAG) machen das messbar. Auf der üblichen Stufe AA braucht normaler Text ein Kontrastverhältnis von mindestens 4,5 zu 1, großer Text sowie Bedienelemente und Grafiken mit Bedeutung mindestens 3 zu 1.

Einen Überblick über alle Bereiche der Barrierefreiheit, von Alternativtexten bis zum Barrierefreiheitsstärkungsgesetz, gibt der Ratgeber Barrierefreies Webdesign. Hier geht es nur um Kontraste, dafür im Detail.

Was das Kontrastverhältnis aussagt

Das Kontrastverhältnis vergleicht die Helligkeit zweier Farben. Der kleinste mögliche Wert ist 1 zu 1, das bedeutet zwei identische Farben. Der größte Wert ist 21 zu 1, das entspricht Schwarz auf Weiß. Alle anderen Farbpaare liegen dazwischen.

Entscheidend ist dabei nur die Helligkeit, nicht der Farbton. Ein kräftiges Rot und ein kräftiges Grün können sehr unterschiedlich aussehen und trotzdem fast gleich hell sein. Für Menschen mit einer Rot-Grün-Sehschwäche verschwimmen solche Paare.

Die Grenzwerte im Überblick

Element Stufe AA Stufe AAA
Normaler Text 4,5 : 1 7 : 1
Großer Text (ab 24 px oder ab ca. 18,66 px fett) 3 : 1 4,5 : 1
Bedienelemente: Rahmen von Eingabefeldern, Fokusrahmen, Schalter 3 : 1 keine höhere Stufe
Grafiken mit Bedeutung: Icons ohne Text, Linien in Diagrammen 3 : 1 keine höhere Stufe
Logos, rein dekorative Elemente, deaktivierte Elemente keine Vorgabe keine Vorgabe

Die Größenangaben stammen ursprünglich aus Punktgrößen: 18 Punkt entsprechen 24 CSS-Pixeln, 14 Punkt fett etwa 18,66 Pixeln. Gemessen wird die tatsächlich dargestellte Größe, nicht ein Wert in der Design-Datei.

Stufe AA ist der Maßstab, auf den sich Normen und Gesetze in der Regel beziehen. Stufe AAA ist für einzelne Inhalte sinnvoll, etwa lange Texte, wird aber selten für ganze Websites verlangt.

So wird der Kontrast berechnet

Sie müssen die Formel nicht beherrschen, um Kontraste zu prüfen. Wer sie einmal gesehen hat, versteht aber, warum manche Farbpaare überraschend schlecht abschneiden.

  1. Farbkanäle umrechnen: Die Rot-, Grün- und Blauwerte von 0 bis 255 werden auf 0 bis 1 skaliert und anschließend linearisiert, weil Bildschirme Helligkeit nicht linear darstellen.
  2. Relative Helligkeit bilden: Die drei Kanäle werden gewichtet addiert. Grün zählt am stärksten, Blau am schwächsten, weil das menschliche Auge Grün am hellsten wahrnimmt.
  3. Verhältnis bilden: Die hellere Farbe wird durch die dunklere geteilt, wobei zu beiden ein kleiner Wert addiert wird.
L = 0,2126 · R + 0,7152 · G + 0,0722 · B   (linearisierte Kanäle)
Kontrast = (L_hell + 0,05) / (L_dunkel + 0,05)

Die Gewichtung erklärt ein bekanntes Phänomen: Reines Blau (#0000ff) erreicht auf Weiß etwa 8,6 zu 1, reines Rot (#ff0000) nur etwa 4 zu 1 und fällt damit für normalen Text durch.

Beispiele: Farbpaare im Test

Text Hintergrund Verhältnis (gerundet) Normaler Text AA
#000000 Schwarz #ffffff Weiß 21 : 1 erfüllt
#595959 Dunkelgrau #ffffff Weiß 7 : 1 erfüllt, auch AAA
#767676 Mittelgrau #ffffff Weiß 4,54 : 1 knapp erfüllt
#777777 Mittelgrau #ffffff Weiß 4,48 : 1 nicht erfüllt
#999999 Hellgrau #ffffff Weiß 2,85 : 1 nicht erfüllt
#ff0000 Rot #ffffff Weiß 4 : 1 nicht erfüllt, nur große Schrift
#5b21b6 Violett #ffffff Weiß 9 : 1 erfüllt

Die Tabelle zeigt, wie knapp die Grenze verläuft: Ein einziger Wert im Farbcode entscheidet zwischen bestanden und nicht bestanden. Planen Sie deshalb etwas Spielraum ein, statt Farben exakt an der Grenze zu wählen.

Drei Textbeispiele auf Weiß: Schwarz mit 21 zu 1, Mittelgrau mit 4,54 zu 1 und Hellgrau mit 2,85 zu 1 Beispieltext Beispieltext Beispieltext #000000 21 : 1 #767676 4,54 : 1 (AA knapp) #999999 2,85 : 1 (zu wenig)
Der rechte Grauton wirkt elegant, ist für Fließtext aber zu blass.

Kontraste prüfen in der Praxis

Für die Prüfung gibt es mehrere Wege, die sich gut ergänzen:

  • Kontrastrechner: Zwei Farbcodes eingeben, Ergebnis ablesen. Ideal, um eine Palette einmal vollständig durchzuprüfen.
  • Browser-Entwicklerwerkzeuge: Gängige Browser zeigen beim Untersuchen eines Textelements das Kontrastverhältnis direkt an und markieren, ob AA oder AAA erreicht wird.
  • Automatische Prüfwerkzeuge: Sie scannen ganze Seiten und melden Textstellen mit zu geringem Kontrast. Bei Text auf Bildern oder Verläufen stoßen sie an Grenzen.
  • Design-Programme: Viele bieten Erweiterungen, die Kontraste schon im Entwurf prüfen.

Am effizientesten ist es, die Palette einmal systematisch zu prüfen und die erlaubten Kombinationen im Styleguide festzuhalten. Dann muss nicht jede neue Seite einzeln getestet werden. Wie Sie eine Palette mit Rollen und Abstufungen aufbauen, erklärt der Ratgeber Farbgestaltung.

Schwierige Fälle

Text auf Fotos

Über einem Bild wechselt der Hintergrund von Pixel zu Pixel. Der Kontrast muss an der hellsten Stelle hinter dem Text ausreichen. Sichere Lösungen sind eine halbtransparente dunkle Fläche hinter dem Text, ein Verlauf über dem relevanten Bildbereich oder Text neben statt auf dem Bild.

Platzhaltertext in Formularen

Grauer Platzhaltertext in Eingabefeldern ist oft zu blass. Wenn er wichtige Informationen enthält, gelten dieselben Werte wie für normalen Text. Besser ist es, Hinweise als sichtbare Beschriftung über dem Feld zu platzieren.

Fokusrahmen und Eingabefelder

Der Rahmen eines Eingabefelds und der Fokusrahmen, der bei Tastaturbedienung anzeigt, wo man sich befindet, müssen sich mit mindestens 3 zu 1 von ihrer Umgebung abheben. Ein hellgrauer Rahmen auf Weiß erfüllt das häufig nicht.

Dunkelmodus

Auf dunklem Hintergrund gelten dieselben Grenzwerte. Farben, die auf Weiß gut funktionieren, fallen auf Dunkel oft durch: Das Violett #5b21b6 erreicht auf Weiß etwa 9 zu 1, auf einem sehr dunklen Grau wie #121212 nur etwa 2 zu 1. Für den Dunkelmodus brauchen Akzentfarben deshalb hellere Varianten. Wie Sie dabei vorgehen, steht im Artikel Dark Mode gestalten.

Mehr als nur das Verhältnis

Ein bestandener Kontrasttest ist eine Mindestanforderung, keine Garantie für gute Lesbarkeit. Achten Sie zusätzlich auf:

  • Schriftstärke: Dünne Schnitte wirken blasser als der Rechenwert.
  • Schriftgröße: Kleine Texte profitieren von mehr Kontrast als dem Minimum.
  • Farbe nicht allein: Fehler, Pflichtfelder und Status brauchen zusätzlich Text oder ein Symbol.
  • Links erkennbar machen: Links im Fließtext sollten nicht nur durch Farbe auffallen, eine Unterstreichung ist die sicherste Lösung.
  • Zu viel Kontrast: Reines Weiß auf reinem Schwarz kann bei langen Texten anstrengend wirken. Ein sehr dunkles Grau statt Schwarz ist meist angenehmer und erfüllt die Werte trotzdem deutlich.

Für die künftige Version WCAG 3 wird ein neues, stärker wahrnehmungsorientiertes Kontrastmodell diskutiert. Verbindlich und in Normen verankert ist bis auf Weiteres das hier beschriebene Verfahren aus WCAG 2.

Häufige Irrtümer

  • “Unser Markenblau ist Pflicht, also ist der Kontrast egal.” Die Markenfarbe kann für Flächen und Logos bleiben. Für Text wird bei Bedarf eine dunklere Stufe derselben Farbe verwendet.
  • “Auf meinem Bildschirm ist das gut lesbar.” Bildschirme unterscheiden sich in Helligkeit und Farbdarstellung stark. Der berechnete Wert ist unabhängig vom Gerät und deshalb der verlässliche Maßstab.
  • “Große Überschriften brauchen keinen Kontrast.” Sie brauchen weniger, aber mindestens 3 zu 1.
  • “Hover-Zustände zählen nicht.” Auch Text, der beim Überfahren mit der Maus die Farbe wechselt, muss in jedem Zustand lesbar bleiben.
  • “Transparenz ist unproblematisch.” Halbtransparenter Text ergibt je nach Hintergrund unterschiedliche Kontraste. Geprüft wird die tatsächlich sichtbare Mischfarbe.

Checkliste: Kontraste auf Ihrer Website

  • Fließtext erreicht mindestens 4,5 zu 1.
  • Große Überschriften erreichen mindestens 3 zu 1.
  • Button-Beschriftungen sind auf der Button-Farbe gut lesbar.
  • Rahmen von Eingabefeldern und der Fokusrahmen erreichen 3 zu 1.
  • Icons ohne Textbeschriftung erreichen 3 zu 1.
  • Text auf Bildern hat eine sichere Unterlage.
  • Der Dunkelmodus ist separat geprüft.
  • Erlaubte Farbpaare sind im Styleguide dokumentiert.

Wer diese Punkte einmal sauber abarbeitet, löst das häufigste Barrierefreiheitsproblem im Web und macht die Website zugleich für alle angenehmer lesbar, etwa bei Sonnenlicht auf dem Smartphone.

Häufige Fragen

Fragen und Antworten

Welcher Grauton ist auf Weiß gerade noch zulässig?

Für normalen Fließtext auf reinem Weiß erreicht #767676 ein Kontrastverhältnis von etwa 4,54 zu 1 und erfüllt damit knapp Stufe AA. Der minimal hellere Ton #777777 liegt mit etwa 4,48 zu 1 schon darunter. Wer Spielraum möchte, wählt für Text ein deutlich dunkleres Grau.

Gelten die Kontrastregeln auch für Logos?

Nein. Text, der Teil eines Logos oder Markennamens ist, ist von den Kontrastanforderungen der WCAG ausgenommen. Ebenso rein dekorative Elemente und Text in deaktivierten Bedienelementen. Für die Lesbarkeit ist ein ausreichender Kontrast trotzdem sinnvoll.

Zählt die Schriftstärke beim Kontrast?

Ja, indirekt. Fett gesetzter Text gilt bereits ab einer kleineren Größe als großer Text und darf dann mit 3 zu 1 auskommen. Sehr dünne Schriftschnitte wirken dagegen blasser, als der berechnete Wert vermuten lässt. Bei feinen Schriften lohnt sich deshalb ein höherer Kontrast als das Minimum.

Reicht ein guter Kontrastwert für barrierefreie Farben?

Nicht ganz. Zusätzlich dürfen Informationen nie nur über die Farbe vermittelt werden, etwa ein Fehlerfeld, das nur rot umrandet ist. Ergänzen Sie Text oder Symbole. Außerdem sollten Links im Fließtext auch ohne Farbe erkennbar sein, zum Beispiel durch eine Unterstreichung.